Im Juni 2026 hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) den „Praxisleitfaden für Partizipation in der Forschungsförderung" veröffentlicht. Aus Reihen der GTPF ordnen Philipp Schrögel sowie die AG Partizipative Gesundheitsforschung den Leitfaden ein.

Bild: BMFTR
Im Juni 2026 hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) den „Praxisleitfaden für Partizipation in der Forschungsförderung" veröffentlicht. Er ist Teil der Partizipationsstrategie Forschung 2023 und reagiert auf die wachsende Bedeutung partizipativer Projekte in der Förderlandschaft – die entsprechende Fördersumme hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt und lag 2024 bei rund 155 Millionen Euro pro Jahr. Der Leitfaden richtet sich primär an Fördergeber und Projektträger und begleitet sie entlang der Schritte des Förderverfahrens – von der Erstellung einer Förderrichtlinie über Begutachtung und Bewilligung bis zur Projektbegleitung. Er bietet dabei sowohl Hintergrundwissen zu Zielen und Formaten von Partizipation als auch konkrete Arbeitshilfen wie Checklisten, Textbausteine und Hinweise zu Aufwandsentschädigungen. Damit ergänzt er einen zweiten, aus der Community heraus entstandenen Leitfaden für Partizipation in der Forschung, der sich stärker mit partizipativer Forschung in der Umsetzung befasst.
Aus der GTPF wurde der Leitfaden aus unterschiedlichen Perspektiven eingeordnet: Philipp Schrögel, Vorstandsmitglied der GTPF und Sprecher der AG Partizipative Wissenschaftskommunikation und Public Engagement sowie die AG Partizipative Gesundheitsforschung (AG PGF).
Philipp Schrögel hebt in seinem Gastbeitrag auf Wissenschaftskommunikation.de zunächst hervor, dass ein eigentlich intern für Förderer gedachtes Dokument öffentlich zugänglich gemacht wurde – ein Schritt, den er als bemerkenswertes Transparenzsignal wertet. Positiv bewertet er zudem das Partizipationsverständnis des Leitfaden, dass Partizipation klar von Pseudopartizipation abgrenzt und für unterschiedliche Disziplinen und Traditionen anschlussfähig ist. Dagen merkt er an, dass die Abgrenzung zur Wissenschaftskommunikation zu unscharf bleibt: Dialogische und interaktive Formate an der Schnittstelle beider Bereiche ließen sich oft kaum noch anhand des Formats unterscheiden, sondern nur durch die gewählte Bezeichnung. Als zentrale Stärke sieht er, dass der Leitfaden die strukturellen Herausforderungen partizipativer Forschung innerhalb klassischer Förderlogiken klar benennt – etwa die Notwendigkeit, Forschungsfragen erst im Dialog zu entwickeln, den administrativen Unterstützungsbedarf zivilgesellschaftlicher Antragsteller*innen, oder die Schwierigkeit, dass befristete Drittmittelförderung den langfristigen Erhalt aufgebauter Communities erschwert. Insgesamt bewertet er den Leitfaden als sehr hilfreich, da er gegenseitige Einblicke zwischen Fördergebern und Forschenden ermöglicht und auf mehr partizipative Elemente in künftigen Förderlinien hoffen lässt.
Die AG PGF würdigt in der Einordung der AG Partizipative Gesundheitsforschung (PGF) den Leitfaden als wichtigen, detaillierten und sehr begrüßenswerten Schritt. Im Vergleich mit dem parallel entstandenen, community-basierten Leitfaden für Partizipation in der Forschung wird für sie jedoch ein deutlicher Unterschied sichtbar: Während jener als normativer Kompass aus der Praxis heraus fungiere, bleibe der BMFTR-Leitfaden – auch bedingt durch die Zielgruppe der Projektträger – stärker im Förderprozess verankert und in einem überwiegend prozess- und administrativ orientierten Partizipationsverständnis verhaftet. Partizipation werde vor allem als Instrument zur Verbesserung von Forschung und Forschungsförderung beschrieben, während die demokratische Bedeutung gemeinsamer Wissensproduktion und geteilter Entscheidungsmacht in den Hintergrund trete. Insbesondere angesichts der öffentlichen Finanzierung fehle die Auseinandersetzung mit demokratischen Prinzipien wie Teilhabegerechtigkeit, epistemischer Gerechtigkeit oder Mitbestimmung über öffentliche Ressourcen. Machtstrukturen und Machtverhältnisse blieben weitgehend unbeachtet – aus Sicht der AG PGF eine zentrale Leerstelle, für die der Community-Leitfaden mit seinen Handlungsfeldern zu Macht, Rollen und Reflexion eine hilfreiche Ergänzung bieten könne. Bei der Finanzierung fehlten Governance-Modelle für gemeinsame Steuerung, wobei sie die Empfehlung zur Förderung von Vorphasen, als wichtigen und in der Praxis aufgreifbaren Impuls hervorhebt. Kritisch sieht die AG PGF zudem die überwiegend ehrenamtsorientierte Honorierung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen, sowie die mangelnde Berücksichtigung vulnerabler Gruppen und die unklare Gestaltung der Evaluation. Das Fazit: Zentrale normative Grundlagen partizipativer Forschung – Demokratisierung von Wissenschaft, Machtteilung, epistemische Gerechtigkeit und Ko-Produktion von Wissen – würden zwar punktuell angesprochen, aber nicht als leitende Prinzipien der Forschungsförderung verankert.
Beide Einordnungen teilen die Einschätzung, dass der Leitfaden ein wichtiger Schritt ist und ein hilfreiches Instrument darstellt, das wichtige Einblicke in die Logik der Fördergeber ermöglicht.
Zum Download des Leitfaden des BMFTR geht es hier, hier zum Artikel von Philipp Schrögel sowie hier zur Einordnung der AG PGF.