Im neu erschienenen Positionspapier fordern wir neue Maßstäbe für eine qualitätsorientierte Forschungsbewertung und die Anerkennung der transdisziplinären Forschung als gleichwertigen Forschungsmodus.

Transdisziplinäre Forschung bearbeitet komplexe gesellschaftliche Problemlagen gemeinsam mit Akteur*innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Ihre spezifischen Qualitäten werden in etablierten Verfahren der Forschungsbewertung bislang jedoch nur unzureichend abgebildet. So werden etwa die Bedeutung von Problem- und Wirkungsorientierung, Partizipation, Integration und Selbstreflexion der transdisziplinären Forschung nicht adäquat erfasst. Die GTPF fordert deshalb, diese Qualitäten systematisch in Förderung und Bewertung zu verankern.
Mit dem Positionspapier „Bewertung der Qualitäten transdisziplinärer Forschung – ein Beitrag für eine exzellente transdisziplinäre Forschung" legt die GTPF neun Positionen vor, die sich an Entscheidungsträger*innen in Forschungspolitik, Förderinstitutionen und Wissenschaftseinrichtungen sowie an die Wissenschaftsgemeinde insgesamt richten und zur Diskussion darüber einladen sollen, wie die Leistungen transdisziplinärer Forschung angemessen erfasst werden können.
„Transdisziplinäre Forschung ist ein gleichwertiger wissenschaftlicher Modus, um komplexe gesellschaftliche Herausforderungen fundiert zu verstehen und gemeinsam mit relevanten Akteur*innen zu bearbeiten. Wenn Wissenschaft hierfür unterschiedliche Wissensformen, Perspektiven und Erfahrungen zusammenführt, muss das auch als wissenschaftliche Leistung anerkannt werden. Mit diesem Positionspapier zeigen wir, wie Forschungsförderung und -bewertung dieser Qualität künftig besser gerecht werden können“, sagt Prof. Dr. Matthias Barth, Vorsitzender der GTPF.
Weil die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit komplexer werden – egal, ob es um die Transformation von Energie- und Verkehrssystemen geht, um Biodiversitätsverlust oder gesellschaftliche Resilienz und Gerechtigkeitsfragen –, lassen sie sich nicht aus der Perspektive einzelner wissenschaftlicher Disziplinen oder allein mit wissenschaftlichem Wissen lösen. Diese Problemlagen betreffen unterschiedliche Lebensbereiche, Interessen und Wissensformen und erfordern deshalb neue Formen der Zusammenarbeit.
Hier setzt die transdisziplinäre Forschung mit einem partizipativen Prozess an, der Wissen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit dem Erfahrungs- und Praxiswissen von Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammenbringt. Gemeinsam werden Probleme definiert, Fragestellungen entwickelt und Lösungsansätze erarbeitet. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu gewinnen, sondern sie mit gesellschaftlichen Anforderungen zu verbinden, um so zu tragfähigeren Lösungen zu kommen.
„Mit ihrem integrativen Ansatz stellt transdisziplinäre Forschung neue Anforderungen an das Wissenschaftssystem“, sagt ISOE-Forscherin und Erstautorin des Positionspapiers Alexandra Lux. Das habe Konsequenzen für die Bewertung. „Die Qualität transdisziplinärer Forschungsprozesse lässt sich nicht allein daran messen, wie viele wissenschaftliche Publikationen entstehen. Entscheidend sind für mich die gemeinsame Problemorientierung und die kritische, lernorientierte Forschungspraxis zur Integration verschiedener Wissensformen und zur Stärkung der Wirkungen in der Praxis.“
Diese Qualitäten würden in der wissenschaftlichen Bewertungspraxis, in der Forschungsförderung, aber auch bei der Bewertung transdisziplinär arbeitender Forschungseinrichtungen und ihrer Wissenschaftler*innen jedoch nicht ausreichend berücksichtigt. Der Fokus etablierter Kriterien liege immer noch auf Output und Impact wissenschaftlicher Publikationen.
Das Positionspapier benennt deshalb vier zentrale Qualitätsaspekte transdisziplinärer Forschung: Problem- und Wirkungsorientierung, Partizipation, Integration und Selbstreflexion. Problemstellungen werden dabei gemeinsam mit relevanten gesellschaftlichen Akteur*innen entwickelt – die Qualität partizipativer Prozesse bemisst sich nicht am Umfang der Beteiligung, sondern an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und methodischer Angemessenheit. Bewertungsansätze, die Forschungsarbeit begleiten und in ihrem Kontext verstehen, stärken die Aussagekraft quantitativer und qualitativer Bewertungskriterien.
Darüber hinaus werden strukturelle Reformen im Wissenschaftssystem empfohlen: die Anerkennung vielfältiger Forschungsoutputs jenseits wissenschaftlicher Publikationen, den Abbau institutioneller Hindernisse sowie den Ausbau transdisziplinärer Kompetenzen in Hochschulbildung, Weiterbildung und Personalentwicklung. „Transdisziplinäre Forschung scheitert in der Praxis häufig nicht am Erkenntnisinteresse oder an geeigneten Methoden, sondern an Rahmenbedingungen, die auf standardisierte und disziplinäre Forschungsleistungen zugeschnitten sind“, betont Alexandra Lux. Förderverfahren, institutionelle Leistungsprofile und wissenschaftliche Karrierewege müssten daher so weiterentwickelt werden, dass sie Kooperation, Integration und langfristige Wirkung ermöglichen, statt sie strukturell zu erschweren.